THINKING PARTICLES

 

Wenn ein Fernseher von einem Balkon aus in einen Hof geworfen wird und das Ganze als Filmloop in einer Kunstausstellung zu sehen ist, so spricht man von Performance. Die Videoarbeit No Oil, No Canvas des Hamburger Künstlers Lukasz Chrobok jedoch kann getrost auch als Malerei bezeichnet werden. Die zweigeteilte Projektion zeigt in der oberen Hälfte eine Person – es ist Chrobok selbst –, die aus der konstruktivistischen Architektur eines Wohnhauses heraus Dinge aus dem dritten Stock hinunterwirft. Diese gehen in der unteren Hälfte auf einer Freifläche krachend zu Bruch. Durch den leicht verschobenen Kamerawinkel wird der Rezipient visuell irritiert, weil die geworfenen und die auftreffenden Wurfgeschosse plötzlich in Größe und Perspektive leicht variieren. Überführt man nun den Hinterhof, darin die zerborstenen Gegenstände, mit denen sich die Fläche zunehmend füllt, sowie die Aktion, mit der dieser Zustand herbeigeführt wird, in die Kunstform „Malerei“, so ist die Verwandtschaft mit den Action-Paintings und Drippings der fünfziger und sechziger Jahre und deren bekanntestem Vertreter Jackson Pollock offensichtlich. Die Unmittelbarkeit, Dynamik und der sich daraus ergebende Zufall, mit dessen Hilfe die Kompositionen des Abstrakten Expressionismus entstanden, faszinieren Chrobok. Von dem Video „No Oil, No Canvas“ aus dem Jahre 2007 ausgehend, begann er weiter mit dem Prinzip Zufall zu experimentieren. So entstanden klein- und großformatige Ölbilder, die in dem Werkzyklus „Thinking Particles“ zusammengefasst sind. Wie es der Titel − der aus der 3-D- und Animationsgrafik entlehnt ist − impliziert, bleibt es nicht beim ungeplanten und expressiven Gestus „ohne nachzudenken“. Das Arbeiten ohne Konzept realisiert der Hamburger lediglich in der ersten Phase des Malprozesses. In diesem Stadium werden zum Teil alte Leinwände bearbeitet, indem sie bespritzt, zerkratzt oder auch probeweise in der Waschmaschine gewaschen werden. Erst wenn der durch die chaotische Diktion entstandene Grundzustand hergestellt ist, beginnt der zweite Arbeitsschritt.

Chrobok arbeitet einzelne Elemente heraus. Dabei geht er äußerst akribisch vor, indem er beispielsweise, wie in vielen seiner jüngst entstandenen „Anordnungen“, jeden einzelnen von Hunderten Farbspritzern mit einem Schatten versieht.Diese Umrandungen zieren fast jede Arbeit und verleihen den vorwiegend grafischen Mustern Tiefe und Dimensionalität.Während die ersten Werke, teilweise auf Holz gemalt, hier und da noch konkrete Inhalte, beispielsweise durch Sprache, transportierten, so versucht Chrobok bei seinen neueren Bildern, jegliche Gegenständlichkeit zu vermeiden. Dennoch fühlt sich der Betrachter bisweilen an Planetenkonstellationen erinnert, wie in „Anordnung 12“, an Satellitenaufnahmen („Anordnung 10“), oder meint, wie in „Anordnung 15“, landschaftliche Bezüge wiederzuentdecken. Welche Assoziationen sich auch immer ergeben: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass den Werken Chroboks eine rätselhafte mathematische Logik zugrunde liegt, die alles als schlüssige Klammer  zusammenhält. So als hätten sich in einem Mikrobereich intelligente Partikel unter natürlichen Gesetzmäßigkeiten zusammengefunden, um auf der Makroebene der fertigen Malerei ein stimmiges Gesamtbild zu ergeben.

Die Serie „Thinking Particles“ besteht aus raffiniert verschachtelten Kompositionen, die auf spielerische Weise die Möglichkeiten der Malerei ausloten. Dabei geht ein Sog von ihnen aus, der den Blick des Betrachters irgendwo zwischen Fläche und Raum gefangen nimmt. Formale Bezüge zu den abstrakten Expressionisten, dem Konstruktivismus und dem Comic beziehungsweise der Street Art werden aufgegriffen und geschickt miteinander verwoben. Am Ende ergeben alle Arbeiten der Reihe wieder Teile eines großen Ganzen.

 

Christiane Opitz 2012

 

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© L. Chrobok